Zum Bericht des niederländischen Fernsehens über die Veranstaltung geht es hier.
von: Sharon Fehr – Geschäftsführer & Ehrenvorsitzender der Jüdischen Gemeinde Münster
Seit vielen Jahren engagiert sich das Annette-Gymnasium Münster dafür, die Erinnerung an den Holocaust als festen Bestandteil schulischer Bildungs- und Erinnerungsarbeit lebendig zu halten. Es will junge Menschen für Verantwortung, Toleranz und Menschlichkeit sensibilisieren. Im Rahmen dieses Engagements fand nun eine besonders eindrucksvolle Begegnung statt: Die Zeitzeugin Eva Weyl, Überlebende des nationalsozialistischen Durchgangslagers Westerbork, besuchte die Schule und berichtete den Schülerinnen und Schülern von ihren Kindheitserfahrungen während der NS-Zeit. Eigentlich war Frau Weyls Vortrag bereits für Montag, den 12. Januar 2026, geplant. Doch Schneefall und vereiste Straßen sorgten dafür, dass sie erst am Freitag, den 16. Januar 2026, in der Aula des Annette-Gymnasiums sprechen konnte. Das Warten hatte sich gelohnt:
Gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften und Gästen durfte ich als Vertreter der Jüdischen Gemeinde Münster einen außergewöhnlich intensiven Vormittag voller Geschichte, Menschlichkeit und Hoffnung erleben.
Frau Weyls Erzählungen, geprägt von eindrucksvoller Authentizität und tiefer Menschlichkeit, machten die historische Realität der Judenverfolgung auf unmittelbare Weise erfahrbar und gaben wichtige Impulse für die heutige Auseinandersetzung mit Ausgrenzung und Diskriminierung. Mit ruhiger, eindringlicher Stimme nahm die heute 90-jährige Zeitzeugin ihr Publikum in der Aula des Gymnasiums mit in ihre Kindheit. Sie erzählte von ihrer Familie, die 1942 in das niederländische Durchgangslager Westerbork kam – einem Ort zwischen scheinbarem Alltag und allgegenwärtiger Angst. „Wir wussten nicht, was Deportation bedeutete – nur, dass die Menschen, die einst Nachbarn waren, nicht mehr zurückkamen“, erinnerte sich Eva Weyl.

Besonders ergreifend war die Geschichte einer unerwarteten Wiederbegegnung: Ende letzten Jahres traf Eva Weyl in Dortmund – durch Zufall, wie sie sagt – Wolfgang Polak wieder, der als kleiner Junge ebenfalls in Westerbork inhaftiert gewesen war. Während sie davon erzählte, zeigte ein auf eine Leinwand projiziertes Schüler-Gruppenbild beide als Kinder – aufgenommen im Lager Westerbork. Jahrzehnte nach ihrer gemeinsamen Kindheit im Lager standen sich ihre Lebenswege plötzlich wieder gegenüber – ein Augenblick, der, wie Eva Weyl sagte, „alle Erinnerungen zurückbrachte“.
Während ihres Vortrags saß Wolfgang Polak – bescheiden und zurückhaltend, wie ich ihn kenne und schätze – zunächst im Publikum. Dann wandte sich Eva Weyl an ihn, bat ihn freundlich, auf die Bühne zu kommen, und lud ihn ein, aus seiner Sicht zu berichten. Gespannt lauschten die Schülerinnen und Schüler auch seinen Worten. Polak erzählte vom Alltag eines Kindes im Lager – von Angst, aber auch von kleinen Momenten der Hoffnung. Von Momenten, die er vor allem seiner Mutter verdankte, die er tief bewegt als seine Heldin bezeichnete.
Die Jugendlichen verfolgten die Begegnung der beiden Überlebenden mit stiller Aufmerksamkeit – sie wurden, wie Eva Weyl es selbst nannte, zu „Zweitzeugen“, die das Gehörte weitertragen sollen.
Was Eva Weyls Worte so eindrucksvoll machten, war nicht nur das Erlebte, sondern ihr Blick nach vorne. Sie ist, wie Frau Eva Weyl erzählte, mit der Enkelin des Lagerkommandanten eng befreundet – für den sie allerdings nur Verachtung empfindet, da er für sie ein Krimineller war. „Mein Ziel ist nicht, anzuklagen, sondern zu erinnern“, sagte sie. „Jeder Mensch kann etwas tun, damit Ausgrenzung und Hass keinen Platz mehr haben.“
Nach dem Vortrag fragten die Schülerinnen und Schüler nach Hoffnung, Glauben, Verlust und dem Leben nach der Befreiung. Ein Schüler sagte mir anschließend im Foyer des Gymnasiums: „So nah habe ich die Grauen der Geschichte des Holocaust noch nie erlebt.“ Diese Worte zeigen, wie tief Frau Weyls Bericht ihre jungen Zuhörerinnen und Zuhörer berührt hat.
Die Schülerinnen und Schüler hatten Stellwände zur Geschichte von Frau Eva Weyl gestaltet und Notizzettel ausgelegt, sodass alle eingeladen waren, ihre Gedanken und Empfindungen zum Gehörten aufzuschreiben und an die Stellwände zu heften. Eingeladen zu dieser Aktion hatte eine Sprecherin der Schülerschaft, die die Begegnung mit Frau Weyl einfühlsam moderierte und ihr am Ende als Zeichen des Dankes ein kleines Präsent der Schule überreichte.
Mein herzlicher Dank – auch im Namen der Jüdischen Gemeinde Münster – gilt der Schulleitung des Annette-Gymnasiums, die Frau Eva Weyl anlässlich des Holocaust-Gedenktages 2026 zu einem Zeitzeugengespräch eingeladen hat.
So erhielten die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 10 sowie der Oberstufe die besondere Gelegenheit, aus erster Hand von der Verfolgung und dem Überleben ihrer Familie und der von Wolfgang Polak im Konzentrationslager Westerbork zu erfahren. Mich hat die Atmosphäre in der Aula des Annette-Gymnasiums tief bewegt: die Offenheit, mit der Frau Weyl und Herr Polak sprachen, ebenso wie die Empathie und Aufmerksamkeit der Schülerinnen und Schüler. Es waren stille, würdevolle 90 Minuten des Erinnerns. Sie zeigen, dass Geschichte lebendig bleibt, wenn auch Schulen helfen, sie gemeinsam weiterzutragen. Der Vormittag endete mit langem Applaus – und mit dem Gefühl, dass Erinnerung nicht nur Rückblick ist, sondern eine Brücke in die Zukunft.

Anschrift
Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasium
Grüne Gasse 38
48143 Münster
Kontakt
Telefon: +49(0)251 41 49 230
Telefax: +49(0)251 41 49 259
E-Mail: annettegymnasium@stadt-muenster.de
Anschrift
Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasium
Grüne Gasse 38
48143 Münster
Kontakt
Telefon: +49(0)251 41 49 230
Telefax: +49(0)251 41 49 259
E-Mail: annettegymnasium@stadt-muenster.de
