„Noch einmal die Sonne sehen…“

06. 11. 2008 22:47

Holocaustüberlebende Erna de Vries zu Gast im Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasium Münster

Von Dagmar Pluschok und Dennis Grunendahl (Praktikanten am Geschichtsort Villa ten Hompel)

Mit großem Interesse verfolgten die Schüler der zehnten Klasse des Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasium den Erinnerungen der Zeitzeugin Erna de Vries. Diese war anlässlich des 70. Jahrestages der Reichspogromnacht in die Münsteraner Schule eingeladen worden, um über ihr Leben während der Zeit des Nationalsozialismus und der Judenverfolgung zu berichten.


Erna de Vries handelt im Auftrag ihrer Mutter, wenn sie heute über die Vergangenheit spricht. Kurz vor ihrer Ermordung durch die Nationalsozialisten im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau gab diese ihrer Tochter mit auf den Weg, sie solle den Menschen von den begangenen Verbrechen erzählen. Die bewegenden Ausführungen der inzwischen 85-jährigen animierten die jugendlichen Zuhörer zu einer Vielzahl neugieriger Nachfragen, die die gebürtige Pfälzerin geduldig beantwortete.

Angefangen mit den Ereignissen, die sie als Mädchen und als junge Frau erlebt hatte, berichtete Erna de Vries von der sich steigernden Ausgrenzung jüdischer Familien aus der Gesellschaft und von ihrem persönlichen Schicksal. Der frühe Tod des Vaters und Ernährers beendete die bis dahin glücklich verlaufende Kindheit. Es folgten der finanzielle Niedergang und die unzähligen Repressalien, denen das jüdisch erzogene Kind eines Protestanten und einer jüdischen Mutter im so genannten Dritten Reich ausgesetzt war.
Am 9. November 1938 musste das damals 15-jährige Mädchen den von den Nationalsozialisten initiierten Reichspogrom miterleben, bei dem das Mobiliar der Familie vollkommen zerstört wurde.

Ergreifend wirkten besonders jene Passagen, in denen die Rednerin von ihrem liebevollen Verhältnis zu ihrer Mutter erzählte. Das familiäre Band zwischen ihnen war derart fest, dass Erna ihre Mutter sogar freiwillig ins Konzentrationslager begleitete – wohl wissend, dass dies den eigenen Tod bedeuten könnte. Tatsächlich konnte die junge Frau der Ermordung nur knapp entgehen: Sie befand sich schon im so genannten „Todesblock“ in Birkenau, als buchstäblich in letzter Sekunde der Befehl, sie nach Ravensbrück zu deportieren, ihr Leben rettete. Ihr größter Wunsch „noch einmal die Sonne sehen zu können“, erfüllte sich - ihre Mutter sah sie jedoch nicht wieder.

Obwohl ihre Ausführungen vornehmlich den Verbrechen galten, betonte die Überlebende mehrfach, dass ihr in den schlimmen Zeiten immer wieder auch Menschlichkeit widerfahren sei. So fand sie Hilfe bei ihren so genannten arischen Nachbarn, die ihr in Momenten größter Verzweiflung durch aufbauende Gesten Mut machten.

Erna de Vries fesselte mit ihrer anschaulichen Sprache ihre Zuhörer in der Aula. Der beste Beweis dafür waren die vielseitigen Nachfragen der Schüler. Sie interessierten sich vor allem für persönliche Empfindungen während der Jahre unter dem Hakenkreuz. Aber auch der Bezug zu aktuellen Themen wurde hergestellt. So erwiderte das NS-Opfer auf die Frage, ob sie sie eine Wiederholung solcher Verbrechen ausschließen könne, mit einem Verweis auf das Buch die Welle. „Menschen sind leicht verführbar“, fügte sie vielsagend hinzu.


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