Fortbildung der Fachschaft Geschichte -"Empathie mit NS-Verbrechern?"

02. 04. 2015 00:00

Unter dieser provokanten Fragestellung stand eine Fortbildung der Fachschaft Geschichte am 25. März 2015 an unserer Schule. Dr. Noa Mkayton, Leiterin der deutschsprachigen Abteilung der International School for Holocaust Studies in Yad Vashem, war gekommen, um neue pädagogische Ansätze der israelischen Gedenkstätte vorzustellen und zu diskutieren. Die Fortbildungsveranstaltung fand regen Zuspruch auch bei Kolleginnen und Kollegen anderer Fächer.

Die klare Einteilung von „guten“ Opfern und „bösen“ Tätern, vielleicht noch ergänzt durch passive Zuschauer, hat jahrzehntelang das Bild vom Holocaust geprägt. Die schematische Zuordnung von Schuld entlastete dabei oftmals von feingliedrigeren Verstrickungen. Zudem stößt dieser Ansatz an Grenzen: Wie sind SS-Männer einzuordnen, die Juden zur Flucht verhalfen? Wie ist das Handeln von verfolgten Juden zu bewerten,  die Menschen an die NS-Mörder auslieferten, um sich selbst zu retten? Der Blick in die Grauzonen menschlichen Handels bringt irritierende Sichtweisen zu Tage. Es geht dann auch nicht mehr um moralische Verurteilungen aus einer Betroffenheitspädagogik heraus, sondern um Beurteilungen im Kontext menschlicher Handlungsmöglichkeiten.


Diese multiperspektivische Perspektive hat eine weitere Konsequenz: Der NS-Massenmörder gerät dann eben nicht nur als grausame Bestie in den Blick, sondern ebenso als fürsorgender Familienvater. Diese neue Sichtweise auf die Täter als Menschen mit all ihren vielfältigen Schattierungen provoziert dann jedoch neue Fragen und fordert Erklärungen des Unvereinbaren. Dr. Mkayton präsentierte dazu mit der „Ideologie der Ungleichheit“ einen plausiblen Ansatz. Indem die NS-Ideologie die rechtliche wie auch ethische Gleichheit der Menschen aufbrach, ermöglichte sie es den Handelnden in der Diktatur sowohl Verbrecher zu werden als auch „anständig“ zu bleiben. Moralisches Handeln galt dann eben nur den Angehörigen der „Volksgemeinschaft“, alle Ausgegrenzten, wie Juden oder Sinti und Roma, lagen außerhalb der moralischen Normen. Dieses Erklärungsmuster kann damit letztendlich für die Bedeutung wie auch Verletzlichkeit des Gleichheitsgrundsatzes sensibilisieren. Für die pädagogische Arbeit ist damit der Bogen von der Geschichte zur eigenen Gegenwart geschlagen.

Das Annette-Gymnasium steht schon seit 2010 in einer Kooperation mit der israelischen Holocaustgedenkstätte Yad Vashem. Die Zusammenarbeit ist im vergangenen Jahr zu einer festen Schulpartnerschaft ausgebaut worden.


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