Begabungsförderungswoche NRW im Herbst 2011

18. 11. 2011 00:00

LernFerien - darunter konnte ich mir leidlich wenig vorstellen, als Frau Flöttmann-Rühl mich kurz nach Schuljahresbeginn darauf ansprach, eine Woche meiner Herbstferien mit den „LernFerien NRW - Begabungen fördern“ in Mülheim zu verbringen. Kurzentschlossen sagte ich zu und schon zwei Wochen später


erhielt ich das Programm, das mich allerdings erst mal nachdenklich machte: „Begabung und Verantwortung, ein Gegensatzpaar oder zwei Seiten einer Medaille“ oder „Förderung von Begabung und Verantwortung in der Schule“ waren nur zwei der vielen Programmpunkte. Inwiefern sollten diese Themen für mich relevant sein? Beschäftigten sich nicht eher Forscher und Politiker damit oder jene Menschen, die sich selbst zu der sogenannten „Elite“ zählen würden? Doch in der kommenden Woche würde ich Gelegenheit finden, mich mit diesen Begriffen auseinanderzusetzen und mir ein Bild über diesen Bereich zu machen.

Es ist Montag, zehn Uhr, und ich sitze mit vierundzwanzig weiteren Jugendlichen und drei Tagungsleitern in einem Tagungsraum der Akademie Wolfsburg. Ich blicke in ein wenig verschlafene, aber doch auch aufmerksame und neugierige Gesichter. Am Anfang teilen wir uns in Gruppen ein, in denen wir die Gespräche mit unseren Themenpartnern wie zum Beispiel einer Landtagsabgeordneten oder einem Journalisten vor- und nachbereiten sollen. Nach einem äußerst schmackhaften Mittagessen geht es für uns alle in den Hochseilgarten der Wolfsburg, denn nun ist Gruppendynamik auf knapp fünf Metern über dem Boden angesagt. Während für einige diese Höhe immer noch zu niedrig ist und sie schon nach den zehn Metern greifen, ziehen es andere doch vor, diese Selbstüberwindung kein zweites Mal zu wiederholen. Am Abend gibt es die erste Gruppendiskussion unter Leitung unseres Referenten Dr. Matthias Keidel, in der wir uns mit der oben bereits erwähnten Fragestellung um Begabung, Verantwortung und auch Elite beschäftigen. Jedoch kommen wir zu keinem allgemein gültigen Ergebnis oder einer Definition, sondern vielmehr soll jeder ein eigenständiges Bild der Beziehung zwischen diesen drei Begriffen entwickeln. So stimmen wir zum Ende alle darin überein, dass Menschen mit weitreichenden oder außergewöhnlichen Begabungen oder eben jene, die der Elite angehören, auch ein großes Maß an Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen sollten.

Am nächsten Morgen fahren wir mit dem Bus, der bequemerweise direkt vor den Türen der Wolfsburg geparkt hat, zum Innovation City Project Bottrop. Die Stadt Bottrop hat mit dem Innovation City Project einen Wettbewerb gewonnen, der für alle Städte im Ruhrgebiet ausgeschrieben war und als Beispielregion im Klimaschutz und Umgang mit Ressourcen dienen soll. Auch Firmen, die sich auf Umwelttechnik spezialisiert haben, sollen sich in diesem Raum ansiedeln. In Bottrop angekommen, werden wir in einen Vortragsraum des Innovation City Projects geführt, in dem auch schon der Referent dieses Projekts auf uns wartet. Mit einer Power-Point-Präsentation versucht er uns verständlich zu machen, welche Aufgaben und Ziele verfolgt werden und welchen Nutzen es für die Stadt Bottrop bringe. Doch schon nach einigen kritischen Fragen von unserer Seite wird klar: So schön sich alle diese Ideen anhören, so sind doch die Erfolgsaussichten zweifelhaft. Allen voran Probleme in der Geschäftsführung machen dem Projekt zu schaffen. Vielleicht wird die Innovation City Bottrop wie die Neue Stadt Dorsten-Barkenberg aus den 70er Jahren ja nur als eine dieser vielzähligen Musterstädte enden?

Am Abend führen wir einige Online-Tests zur Berufsberatung durch. Da uns keines der Angebote zufrieden stellt, sollen wir kurzerhand in Kleingruppen eine Struktur für unseren eigenen Test entwickeln. Denn auch das leisten die Lernferien: Von unseren Referenten Dr. Matthias Keidel und Karolin Duschke werden wir in unseren Berufsvorstellungen beraten, denn diese beiden erhalten ja in diesen fünf intensiven Tagen ein Bild von unserem Können.

Am Mittwoch kommt unsere Interviewpartnerin, die Landtagsabgeordnete Josefine Paul, zu uns in die Wolfsburg. Auf dem Programm steht eine zweistündige Diskussion zu den Themen Schulfrieden, Nachmittagsunterricht und dem doppeltem Jahrgang, Schon nach kurzer Zeit verschärfen sich die Fronten: Während Josefine Paul für die Gesamtschule von morgens acht Uhr bis abends achtzehn Uhr mit bereits integrierten Stunden für Hausaufgaben, die im Klassenverband gelöst werden sollen, und Vereinsarbeit plädiert, stehen die meisten von uns Schülern ihrem Ansinnen skeptisch gegenüber. Auch die Problematik des gemeinsamen Lernens von Schülern aller Schulformen bis zur zehnten Klasse bereitet den meisten Kopfzerbrechen. Einig sind wir uns jedoch alle darin, dass eine Verkleinerung der Schulklassen und eine allgemein bessere Ausstattung der Unterrichtsräume förderlich für den Lernerfolg wären.

Als es draußen schon dunkel wird, erhalten wir an diesem Tag nochmaligen Besuch, diesmal von Dirk Brall, Autor der 7sterne Edition. An einigen Beispielen aus seinem eigenen Repertoire erklärt er uns, wie gute Texte entstehen können. Oft bedarf es einer mehrfachen Überarbeitung, bis ein epischer Text so weit gereift ist und sich nicht mehr in zu langen Ausschmückungen verliert, dass man ihn einem Publikum vorlegen kann. Weiterhin erzählt er uns aus seinem beruflichem Werdegang und seinem Leben als Autor. Denjenigen von uns, die mit diesem Beruf bereits geliebäugelt haben, wird nun bewusst, wie schwierig es ist, überhaupt Anerkennung als Literat zu finden und dass es noch weniger damit möglich ist, eine eigene Familie alleine mit dieser Tätigkeit zu ernähren.

Auch am Donnerstag wartet wieder ein Reisebus vor der Wolfsburg auf uns. An diesem Tag soll es nach Essen gehen, in den Domschatz des ehemaligen Frauenstifts. Wir erhalten zunächst eine Führung, bei der wir die Architektur des Essener Doms von innen und von außen betrachten, und die Goldene Madonna, welche die Schutzheilige des erst 1956 gegründeten Bistums Essens ist, und einige weitere sakrale Gegenstände uns näher ansehen. Am Ende der Führung stößt Dr. Birgitta Falk, die Leiterin des Domschatzes, dazu. Von ihr lernen wir, dass die Geschichte des Frauenstifts bis in die Mitte des 9. Jahrhunderts zurückgeht; damals stellte es einen Ausbildungsort für adlige Damen dar, die dort in Schreiben und Lesen, Latein und Gesang unterwiesen wurden. Nach ihrer Lehrzeit waren sie frei zu heiraten und das Stift zu verlassen. Im Domschatz besichtigen wir noch einige alte, lateinische Handschriften, die Aufschluss über das Leben der adligen Damen im Mittelalter geben, die durch diese umfassende Ausbildung äußerst privilegiert waren.

Am Nachmittag kommt direkt nach dem Mittagessen in der Wolfsburg die Anglistin Heike Steinhoff von der Ruhr-Universität Bochum bei uns vorbei. Zusammen mit ihr analysieren wir Ausschnitte aus dem Film „Fluch der Karibik“, der durchaus kapitalismus- und globalisierungskritische Aspekte enthält. Auch zeigen sich in dem Film Verschiebungen in den Geschlechterrollen: Johnny Depp als Captain Jack Sparrow zeigt untypische weibliche Verhaltensweisen, während Keira Knightley alias Elisabeth Swann von einer jungen Dame zu einer ernst zu nehmenden Piratenfrau wird. Abends erhalten wir noch einen weiteren Vortrag, der von Klaus Jürgen Haller, Korrespondent des WDR in Washington D.C., gehalten wird. Es geht um Barack Obama, ausgeleuchtet in seiner Gestalt als politische Karikatur.

Es ist der letzte Tag unserer gemeinsamen Woche, aber noch gibt es so viel zu tun. In unserem eigenen Raum mit Computerterminals müssen die Berichte für das Journal zusammengeschrieben werden, und außerdem soll jeder von uns eine Kreativseite mit Texten gestalten, die wir in den Schreibwerkstätten erarbeitet haben, die zwischen den einzelnen Veranstaltungen stattfanden. Nachdem die ersten ihre Seiten fertiggestellt haben, verabschieden wir uns voneinander. Es kommt ein wenig Wehmut auf: Wann sonst konnte man sich am Mittagstisch so anspruchsvoll über politische oder philosophische Themen unterhalten? Wann sonst konnte man sich nachts um zwölf mit einer verkomplizierten Version eines allgemein bekannten und einfachen Kartenspiels beschäftigen?

Ich kann jedem nur empfehlen, die Chance zu nutzen, an den Lernferien teilzunehmen. Bei dieser Art von Begabungsförderung hat man die Gelegenheit, über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen: Man arbeitet sich in teilweise völlig neue Themengebiete ein, die man so intensiv in der Schule nicht behandelt oder die gar nicht zum Unterricht gehören. Man sieht neue Seiten in Gesellschaft und Geschichte, die man vorher so nicht wahrgenommen hat. Man begegnet anderen jungen Menschen, die man ansonsten nicht treffen würde und die alle ihre eigenen Meinungen, Gedanken und Träume haben. Ich denke, dass die Lernferien für uns alle vor allem eines waren: eine Erweiterung des eigenen Horizonts.

A.P., Jgst. 11

 


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