Zeitzeugen der Landshut-Entführung im Annette-Gymnasium

13. 03. 2020 15:00

Der lebhaft gestikulierende Mann vorn auf dem Podium in der Aula des Annette-Gymnasiums wird in diesem Jahr 78 Jahre alt – und heute, das erzählt er nur nebenbei, fliegt er „nur noch mit“. Jürgen Vietor war früher Flugkapitän bei der Lufthansa, seine größte Herausforderung im Job erlebte er als Co-Pilot des Lufthansa-Fluges LH 181 mit der Landshut. Der am 13. Oktober 1977 beginnende Einsatz im Cockpit des von PLO-Terroristen gekaperten Urlaubsfliegers, der erst fünf Tage später im somalischen Mogadischu mit der Stürmung der Maschine durch die deutsche Spezialeinheit GSG 9 endete, machte Vietor zu einer Person der Zeitgeschichte der Bundesrepu­blik.

Etwas weiter hinten in der Landshut saß in den albtraumhaften fünf Tagen in jenem „Deutschen Herbst“ die Passagierin Julia Sost, heute 70 Jahre alt und Großmutter von Franz Joepgen, Zehntklässler des Annette-Gymnasiums. Die Geschichte der Flugzeugentführung, mit der der Kopf der RAF-Terrorgruppe freigepresst werden sollte, wurde in der Familie immer wieder erzählt, und sie hat den Enkel gepackt. Zusammen mit seinem Schulkameraden Johann Berghoff schrieb er im Rahmen des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten im vergangenen Schuljahr über die Entführung eine preisgekrönte Arbeit.

Die Forschung der beiden damals 15-Jährigen ist der Grund, warum Jürgen Vietor am Donnerstagvormittag in der Aula des Annette-Gymnasiums sitzt und sich, geleitet von Schülerfragen, an die fünf Tage als Geisel erinnert. Neben ihm sitzen Franz Joep­gen und dessen Mutter Eva Filius-Joepgen, Tochter der ehemaligen Geisel Julia Sost. Sie selbst, die für die Arbeit der beiden Schüler die wichtigste Quelle und Inspiration war, konnte nicht persönlich kommen.


Tochter Eva, 1977 vier Jahre alt und während des Mallorca-Kurzurlaubs ihrer Eltern bei Nachbarn untergebracht, wuchs mit den Erinnerungen der Eltern an die Entführung der Landshut auf. „Es wurde immer wieder mal darüber geredet“, sagt sie, aber um sich der Geschichte systematisch zu nähern, war das Interesse der nächsten Generation, sprich des Enkels Franz, notwendig.

„Vielleicht brauchte es diese Distanz“, sagt Eva Filius-Joepgen – denn ihre Mutter, sie wurde von den Entführern geschlagen und sollte als dritte Geisel erschossen werden, erlebte die Tage in der gekaperten Maschine in ständiger Todesangst und unter zunehmend entsetzlichen hygienischen Bedingungen im emotionalen Ausnahmezustand, der Vater eher distanziert, analytisch.

Jürgen Vietor bescheinigte ein Wissenschaftler vor einigen Jahren eine „hohe Resilienz“ – und diese Eigenschaft ließ den Lufthansa-Piloten nach der Befreiung der Maschine nach wenigen Wochen wieder ins Cockpit steigen – auch in das der „Landshut“, für deren Erhalt als Museumsstück er sich heute einsetzt.

Auch Vietor erlebte akute Todesangst, aber „war permanent von der Situation gefordert“. Als er erzählt, wie er die Landshut im jemenitischen Aden auf einer Schotterpiste notlandete und sich vorher von Kapitän Jürgen Schumann per Handschlag aus dem Leben verabschiedet hatte, halten die Jugendlichen den Atem an. Jürgen Schumann wurde, auch das erzählt Vietor in allen fürchterlichen Einzelheiten, wenig später von den Entführern vor den Augen der Passagiere hingerichtet.

Vietor hat schon häufig in Schulen und bei anderen Veranstaltungen von der Entführung erzählt, stand als Interviewpartner zur Verfügung – auch für Filme, die über die Entführung der Landshut gedreht wurden. Auch ihn lassen diese Tage nicht mehr los.

aus: WN 13.3.2020
von: Karin Völker


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